Unconscious bias – immer diese unbewussten Vorurteile

von | Aug. 27, 2018 | Führung

Unconscious bias – unbewusste Vorurteile: Dies ist ein Konzept, das mir sehr vertraut ist. Ich versuche auch selbst sehr darauf zu achten, wann sich ein Vorurteil einschleicht.

Umso erstaunter war ich, als ich in einer Studie der Initiative Chefsache lesen konnte, dass 53 % der befragten Führungskräfte dieses Konzept nicht kennen. Über die Hälfte aller Führungskräfte hat sich mit dem Thema noch nie beschäftigt!

Warum lohnt es sich, sich mit seinen eigenen unbewussten Vorurteilen zu beschäftigen? Wer das nicht tut, hat Schwierigkeiten, ein vielfältiges Team zusammenzustellen. Diversität oder Vielfalt aber sind heute unglaublich wichtig, um in Teams kreative Arbeit zu erleichtern.

Nicht zuletzt hat ein solches unbewusstes Vorurteil auch Auswirkungen auf die Chancengleichheit von Mann und Frau. Unconscious bias trägt dazu bei, dass Führungskräfte sogenannte „Mini-me’s“ einstellen. Also stellen Männer auch Männer ein. Die Frauen haben das Nachsehen.

Aber auch andere „als anders“ empfundene Menschen haben das Nachsehen. Natürlich wird jeder Mann immer gute Gründe für seine Entscheidung finden, unser Gehirn ist prima darin trainiert, Bauchentscheidungen rational zu verankern – ein klassischer Nebeneffekt von unconscious bias.

Wahrnehmung und Wirklichkeit

Die große Mehrheit der Führungskräfte, die in der oben genannten Studie befragt wurden, findet, dass Frauen und Männer die gleichen Karrierechancen haben. Allerdings fördern nur 16 % der Firmen flexible Arbeitszeitmodelle. Nur 1,9 % der befragten Führungskräfte arbeiten in Teilzeit (aber 17,5 % der Frauen).

Da kann man sich vorstellen, wie wenig männliche Führungskräfte in Teilzeit arbeiten. Nur 19 % der befragten Firmen bieten Führungskräften überhaupt Teilzeit an. Schreiben wir wirklich das Jahr 2018?

Es gibt so unglaublich viele gut ausgebildete, intelligente Frauen, und seit ich im Berufsleben bin (und das sind einige Jahre), redet man(n) von Chancengleichheit. Trotzdem gibt es noch solche Zahlen.

41 % der Unternehmen wollen übrigens anscheinend gar nicht wissen, wo sie stehen. Sie erheben keine regelmäßigen Daten über den Frauenanteil auf den verschiedenen Hierarchiestufen und/oder bei Beförderungen. (Und weitere 18 % der Befragten wussten nicht, ob diese Daten erhoben werden.)

Unconscious bias – nicht nur ein Gender-Thema

Die Studie der Initiative Chefsache beschäftigt sich mit dem Thema Chancengleichheit für Frauen. Ich sehe aber Auswirkungen, die weit über den Bereich des Genders hinausgehen. In Deutschland hat mehr als jeder dritte Student Migrationshintergrund.

Wenn die Führungskraft Max Mustermann sich ihres unconscious bias nicht bewusst ist, wird sie sich schwer damit tun, jemanden einzustellen, der anders aussieht und einen fremdländischen Namen hat. Wollen wir auf dieses Potenzial wirklich verzichten? Wo bleibt da der Druck des viel zitierten Fachkräftemangels?

Viele Teams arbeiten heute länderübergreifend zusammen. Auch da gilt es, den unconscious bias zu thematisieren und sich seiner eigenen Vorurteile bewusst zu werden. Nur wenn uns Gedanken bewusst sind, können wir sie überprüfen und (hoffentlich) korrigieren.

Unser Gehirn ist immer noch darauf optimiert, in kürzester Zeit festzulegen, ob etwas vertraut (ok) oder fremd (potenziell gefährlich) ist. Und es kann das richtig gut. Diese schnelle Einschätzung war in der Steinzeit ein überlebenswichtiger Mechanismus. In der heutigen Zeit wünsche ich mir, dass die Menschen immer öfter innehalten und ihre erste Reaktion überprüfen und korrigieren. Die vielzitierte und viel gepriesene Achtsamkeit kann da helfen – aber Studienergebnisse wie die erwähnten zeigen, dass die Achtsamkeit noch nicht wirklich im Alltag angekommen ist.

Update 2024:
Ich arbeite seit einiger Zeit verstärkt mit Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland kommen. Diese Menschen sind hochqualifiziert und haben eine Arbeitserlaubnis.

Die größte Hürde bei der Arbeitsaufnahme sind die Anerkennung ihrer Berufsausbildung oder ihres Studiums als gleichwertig zur deutschen und die Akzeptanz, dass ein unperfektes Deutsch im Alltag funktioniert. Hier sind die unconscious biases sehr deutlich sichtbar!

Jammern hilft jedoch nicht. Wenn Sie Interesse daran haben, sich mit dem Thema zu beschäftigen und Ihren eigenen unbewussten Vorurteilen auf die Spur zu kommen, unterstütze ich Sie gerne. Ich freue mich auf Ihre Kontaktaufnahme.

 

Ich bin Birgit Nüchter, Führungskräftecoach, Karrierecoach und Beraterin.

Birgit Nüchter

Sie sind neugierig geworden und möchten gerne mehr über Coaching mit mir erfahren?

Q

Über die Autorin


Birgit Nüchter
ist zertifizierter Business Coach und begleitet seit über zehn Jahren Führungskräfte in IT- und Tech-Organisationen. Ihr Schwerpunkt ist die Rollenklärung von neuen Führungskräften. Zuvor war sie über 20 Jahre in der internationalen Softwareentwicklung bei IBM tätig, wo sie globale Teams in klassischen und agilen Umfeldern geleitet hat.

In diesem Blog schreibt sie über praxisnahe Führungsfragen aus dem IT-Führungsalltag – von der Entwicklung des persönlichen Führungsstils bis zur Komplexität von Entscheidungen in Teams.