Ich berate andere zum Lernen. Aber lerne ich selbst noch gern?

In meinen Gesprächen mit Führungskräften taucht irgendwann immer dieselbe Frage auf: „Wie kann ich mich eigentlich noch weiterentwickeln, jetzt, wo ich in der Rolle angekommen bin?“ Meine Antwort darauf ist seit Jahren dieselbe: Lebenslanges Lernen als Führungskraft hört nicht auf, es verändert nur seine Form.

Vergangene Woche ist mir aufgefallen, wie persönlich diese Antwort ist, weil ich selbst wieder mit spürbarer Freude in der Rolle der Lernenden saß.

Ich war eine Woche lang bei einer Weiterbildung zu systemischem Coaching in einem Kloster in Italien in der Nähe von Abano Terme – dem Metaforum Sommercamp. Draußen über 30 Grad, in den Seminarräumen kaum kühler. Trotzdem bin ich jeden Morgen vor dem Wecker aufgewacht. Wach, ohne Anlauf – das bin ich sonst nie, meine gute Zeit ist eigentlich der Abend. Etwas an dieser Woche hat mich früher wach werden lassen, als es die äußeren Umstände eigentlich erlaubt hätten.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Status als Lernende bringt oft mehr als die Lerninhalte selbst – gerade nach über 20 Jahren in Führungsrollen.
  • Drei Tage systemische Strukturaufstellung bei Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd, dazu ein Seminar zur eigenen Stimme.
  • Psychologische Sicherheit in der Gruppe entscheidet mehr über offenes Lernen als ideale äußere Umstände.
  • Sicherheit entsteht selten von allein, sie wächst aus kleinen Gesten wie Zuhören und Nachfragen.
  • Was für eine Weiterbildung gilt, gilt genauso für Teams im Arbeitsalltag

Die Freude am Anfängerstatus: Warum lebenslanges Lernen als Führungskraft nie aufhört

Viele Jahre habe ich bei IBM globale Teams geführt, seit einigen Jahren berate ich als Coach Führungskräfte in Rollen, in denen andere von ihnen Antworten erwarten. In beiden Rollen war ich meistens diejenige mit der Erfahrung und der Einordnung.

In dieser Woche im Kloster war ich das nicht. Ich saß in Gruppenarbeiten, habe Feedback bekommen, das mich berührt und angespornt hat, und durfte Fragen stellen, die noch unfertig waren, weil ich die Antwort selbst noch nicht hatte.

Vor allem der Status als eine von vielen, die noch dazulernen, hat mir gutgetan. Wer über Jahre in einer Expertinnenrolle unterwegs ist, verlernt leicht, wie es sich anfühlt, etwas noch nicht zu können. Diese Woche hat mich daran erinnert, warum mir Lernen weiterhin Freude macht: Es holt mich aus der Rolle heraus, in der ich sonst immer die Antworten habe.

Strukturaufstellung und die eigene Stimme

Drei Tage habe ich bei Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd verbracht, den beiden prägenden Figuren der systemischen Strukturaufstellung im deutschsprachigen Raum. Mit 70 und 75 Jahren so geistig agil, dass sie für mich selbst zu Vorbildern geworden sind. Ich habe noch einmal tiefer in die Konzepte der Strukturaufstellung geschaut, auch in die praktische Anwendung – und einen Satz mitgenommen, der bei mir hängengeblieben ist: „Aufstellung fängt schon an, bevor ich irgendetwas in den Raum stelle.“ Systemisches Denken in Reinform.

Im zweiten Seminar ging es um mich selbst: um meine Stimme, wie sie wirkt und wie ich sie bewusster einsetzen kann. Auch dort habe ich von der tollen Trainerin Laura Baxter Tipps mitgenommen, die ich seither ausprobiere.

Sicherheit macht den Unterschied

Die äußeren Umstände waren, nüchtern betrachtet, denkbar schlecht: Hitze, wenig Schlaf durch die langen Abende im Klosterhof, frühe Aufwachzeiten, ein dichtes Programm. Trotzdem habe ich mit Freude gelernt. In den Gruppenarbeiten wurde zugehört und nachgefragt, abends ging das im Klosterhof beim gemeinsamen Essen einfach weiter.

Für mich war wichtig, dass jede und jeder sich sicher genug fühlt, um sich zu zeigen – mit offenen Fragen und dem Risiko, etwas falsch zu verstehen. Diese Sicherheit entsteht aus dem, was Menschen sich im Kleinen gegenseitig geben: Zeit für eine Frage und ein ehrliches Nachfragen.

Für Weiterbildungen gilt das genauso wie für Teams im Arbeitsalltag. Fehlt diese Sicherheit, wird auch bei besten äußeren Bedingungen wenig gelernt und wenig offen gesprochen. Ist sie da, trägt sie auch durch Hitze, Zeitdruck und lange Tage.

Was davon bleibt

Aus dieser Woche nehme ich vieles mit. Einiges aus den Feedback-Runden und Gruppenarbeiten fließt bereits in meine eigene Coaching-Praxis ein – in die Art, wie ich zuhöre, wie ich Fragen stelle, wie ich mit unfertigen Antworten umgehe. Ich lerne, weil ich das Gelernte im Alltag mit meinen Kunden anwenden will.

Genauso wichtig ist mir dabei die Erinnerung, wie es sich anfühlt, wieder Lernende zu sein – und wie viel das mit dem Umfeld zu tun hat, in dem das passiert. Für mich persönlich heißt das: Ich möchte mir öfter bewusst Situationen suchen, in denen ich nicht die Antwort habe. Für Sie als Führungskraft ist die Frage vielleicht: Wo in Ihrem Alltag könnten Sie sich – oder Ihrem Team – mehr von dieser Sicherheit geben, die Lernen erst möglich macht?

Falls Sie darüber gern in einem konkreten Rahmen nachdenken möchten: Ich bin für ein Kennenlerngespräch offen.

Für Menschen, die in IT und Tech erstmals Führungsverantwortung übernehmen und merken, dass Führung in technischen Teams eigene Herausforderungen mit sich bringt.

Birgit Nüchter

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Über die Autorin


Birgit Nüchter
ist zertifizierter Business Coach und begleitet seit über zehn Jahren Führungskräfte in IT- und Tech-Organisationen. Ihr Schwerpunkt ist die Rollenklärung von neuen Führungskräften. Zuvor war sie über 20 Jahre in der internationalen Softwareentwicklung bei IBM tätig, wo sie globale Teams in klassischen und agilen Umfeldern geleitet hat.

In diesem Blog schreibt sie über praxisnahe Führungsfragen aus dem IT-Führungsalltag – von der Entwicklung des persönlichen Führungsstils bis zur Komplexität von Entscheidungen in Teams.