Entscheidungen treffen als Führungskraft: So gelingt die Wahl
Zwei Broschüren liegen auf dem Schreibtisch. Die eine: ein Programm mit großem Namen, das Türen öffnet – Alumni-Netzwerk, Prestige, der Titel, von dem man schon als Berufseinsteigerin geträumt hat. Die andere: unauffälliger, aber genau zugeschnitten auf die aktuelle Situation. Beide passen ins Budget, beide lassen sich zeitlich einrichten. Und trotzdem dreht sich seit Wochen dasselbe Karussell aus Argumenten – eine Entscheidung kommt dabei nicht zustande. Entscheidungen treffen als Führungskraft heißt in solchen Momenten: zwei gute Optionen gegeneinander abwägen, ohne dass sich eine davon eindeutig richtig anfühlt.
Diese Situation begegnet mir im Coaching öfter, als man denkt – gerade bei Führungskräften, die sich beruflich bereits bewährt haben und nun bewusst in die eigene Entwicklung investieren wollen. Der Reiz des alten Traums ist real. Genauso real ist die Frage, ob er noch zur aktuellen Rolle passt. Reine Pro-Contra-Listen helfen hier selten weiter, weil beide Optionen auf dem Papier gut dastehen. Was fehlt, ist ein Werkzeug, das über das reine Abwägen hinausgeht.
Das Wichtigste in Kürze
- Entscheidungen mit hohem emotionalen Gewicht lassen sich selten allein rational lösen
- Ein alter Traum und eine strategisch passende Option können gleichzeitig richtig aussehen – und trotzdem unterschiedlich viel wert sein
- Das Tetralemma ist eine systemische Methode, die beide Seiten eines Dilemmas nebeneinander erfahrbar macht, statt sie gegeneinander abzuwägen
- Wer sich der Reihe nach in jede Position hineinversetzt, merkt oft schneller als erwartet, welche Option an Substanz verliert
- Die Methode ersetzt keine Fakten – sie macht sichtbar, was unter den Fakten liegt
- Auch in einer vereinfachten Version lässt sie sich für die eigene Reflexion nutzen
Inhaltsverzeichnis
Warum (Karriere‑)Entscheidungen selten reine Kopfsache sind
Bauch oder Kopf entscheiden? Im beruflichen Kontext hält sich hartnäckig das Ideal der rein rationalen Entscheidung, bei der Zahlen, Fakten und eine saubere Abwägung seriös wirken. Nur zeigt die Forschung ein anderes Bild. Der Neurowissenschaftler António Damásio hat das an einem eindrücklichen Fall gezeigt: Ein Patient, dem nach einer Operation ein für Gefühle zuständiger Hirnbereich fehlte, konnte danach jede Option sauber durchdenken – die Vorteile, die Nachteile, alles lag klar auf dem Tisch. Entscheiden konnte er sich trotzdem nicht mehr. Ihm fehlte genau das, was uns normalerweise über die letzte Hürde hilft: das Gefühl, das uns sagt, welche Option sich richtig anfühlt.
Das erklärt, warum eine Pro-Contra-Liste bei der Wahl zwischen zwei Weiterbildungen oft ins Leere läuft: Beide Listen sehen am Ende ordentlich aus, und die Entscheidung fällt trotzdem nicht. Was fehlt, ist ein Blick auf das, was jede Option im Bauch auslöst – und warum das so ist.
Das Tetralemma: beide Seiten sichtbar machen
Das Tetralemma stammt aus der systemischen Strukturaufstellung und wurde von Insa Sparrer und Matthias Varga von Kibéd für Coaching, Beratung und Therapie entwickelt. Die Denkfigur selbst ist deutlich älter: Sie geht auf die indische Logik zurück, die ursprünglich genutzt wurde, um in Streitfällen mehr als nur zwei Positionen – Recht oder Unrecht – zuzulassen.
Im Coaching übertragen wir das auf Entscheidungssituationen mit zwei Optionen, die einander auszuschließen scheinen. Statt A gegen B abzuwägen, nimmt die Klientin nacheinander verschiedene Positionen körperlich ein: die Position „Das eine“, die Position „Das andere“, dazu „Beides“ und „Keines von beidem“. In der ausführlichen Aufstellung kommt oft noch eine fünfte, die Meta-Position, hinzu. Auf jeder Position geht es ums Wahrnehmen: Was verändert sich in Haltung, Atmung, Gedanken, wenn ich hier stehe?
Wichtig dabei: Das Tetralemma liefert kein Ergebnis, das man einfach ablesen kann. Es macht aber sichtbar, was vorher unter der Oberfläche lag.
Als Werkzeug zur Entscheidungsfindung funktioniert diese Methode über die Weiterbildungsfrage hinaus. Sie eignet sich für jede Entscheidung, bei der zwei gute Optionen nebeneinanderstehen: vom Jobwechsel über eine Standortfrage bis zur Wahl zwischen zwei internen Kandidatinnen für die eigene Nachfolge.
Wenn der Traum an Substanz verliert
In der Situation, die mich zu diesem Beitrag gebracht hat, stand eine Klientin genau vor dieser Karriereentscheidung. Auf der einen Seite ein Programm, das für sie seit Jahren ein Ziel gewesen war – mit dem Versprechen von Prestige und einem starken Netzwerk. Auf der anderen Seite eine Weiterbildung, die weniger glänzt, aber exakt zu ihrer aktuellen Position und ihren nächsten beruflichen Schritten passt.
Beim Durchgehen der Positionen zeigte sich etwas, das eine reine Pro-Contra-Liste nicht ans Licht gebracht hätte: Auf der Position des alten Traums zeigte sich vor allem das Gefühl, etwas Abgeschlossenes noch einmal zu bestätigen – von Zukunft war wenig zu spüren. Auf der Position der strategisch passenden Option dagegen kam echtes Interesse an den Inhalten auf. Am Ende hat sie sich für die strategisch passende Weiterbildung entschieden. Der alte Traum hatte im Moment der Prüfung keine Substanz mehr – und das Neue reizte sie tatsächlich mehr. (Ich habe die Situation anonymisiert und verändert.)
So übertragen Sie das auf Ihre nächsten schwierigen Entscheidungen
Sie müssen für diese Reflexion nicht zwingend eine vollständige Aufstellung machen. Eine vereinfachte Version funktioniert auch allein, etwa auf einem Spaziergang oder mit vier Punkten auf dem Boden, die Sie nacheinander betreten:
- Stellen Sie sich körperlich (oder gedanklich sehr konkret) auf die Position der einen Option. Was verändert sich in Ihrer Haltung, Ihrem Atem, Ihren ersten Gedanken?
- Wechseln Sie auf die andere Position. Was ist hier spürbar anders, jenseits der Argumente?
- Nehmen Sie die Position „Beides“ ein: Was würde es bedeuten, wenn beide Optionen gleichzeitig gälten?
- Nehmen Sie die Position „Keines von beidem“ ein: Was zeigt sich, wenn Sie beide Optionen loslassen?
Sie spüren wenig, sind sich nicht sicher? Wiederholen Sie die Übung ruhig zu einem anderen Zeitpunkt, manchmal ist einfach der Moment ungeeignet.
Was das für Ihren Alltag als Führungskraft bedeutet
Diese Art der Reflexion ergänzt harte Fakten. Budget, Zeitfenster, Karrierepfad – all das bleibt relevant. Was sich ändert, ist die Reihenfolge: Erst spüren, was jede Option in Ihnen auslöst, dann mit dem Kopf prüfen, ob sich das mit der Realität deckt. Zwei Fragen, die ich in solchen Momenten häufig stelle: Wofür stand dieser alte Traum ursprünglich – und steht er heute noch dafür? Und: Wo in Ihrem Körper würden Sie den Unterschied zwischen beiden Optionen tatsächlich spüren, wenn Sie ihn nicht in Worte fassen müssten?
Wer erst kürzlich in eine Führungsrolle gewechselt ist, trifft solche Weichenstellungen ohnehin öfter als gedacht – dazu habe ich in einem eigenen Beitrag zu den ersten 100 Tagen als Führungskraft mehr geschrieben.
Wie geht es weiter?
Die nächste Weiterbildungsentscheidung oder ganz andere Entscheidungen kommen bestimmt – ob in einem Jahr oder früher. Zwei nüchterne Fragen lohnen sich schon jetzt: Welche Entscheidungen treffen Sie aktuell eher aus Gewohnheit? Und: Wann haben Sie zuletzt eine berufliche Wahl getroffen, die sich richtig angefühlt hat, obwohl sie auf dem Papier nicht die naheliegendste war?
Wenn Sie merken, dass Sie bei einer anstehenden Entscheidung Unterstützung gebrauchen könnten: Ich bin für ein Kennenlerngespräch offen.
FAQ: Entscheidungen treffen als Führungskraft
Warum sind Entscheidungen als Führungskraft oft so schwierig?
Viele schwierige Entscheidungen entstehen nicht, weil es eine gute und eine schlechte Option gibt, sondern weil zwei gute Möglichkeiten zur Auswahl stehen. In solchen Situationen reichen rationale Argumente allein oft nicht aus, um zu einer klaren Entscheidung zu kommen.
Welche Rolle spielen Gefühle bei beruflichen Entscheidungen?
Gefühle sind ein wichtiger Bestandteil jeder Entscheidung. Sie ergänzen die sachliche Analyse und helfen dabei, zwischen gleichwertigen Optionen zu unterscheiden. Wer nur Vor- und Nachteile gegeneinander abwägt, kommt deshalb häufig nicht zu einem klaren Ergebnis.
Was ist das Tetralemma?
Das Tetralemma ist eine Methode aus der systemischen Arbeit, die bei schwierigen Entscheidungen unterstützt. Statt nur zwischen zwei Möglichkeiten abzuwägen, werden vier Positionen betrachtet: „Das eine“, „Das andere“, „Beides“ und „Keines von beidem“. In einer ausführlicheren Form kommt noch eine fünfte Meta-Position hinzu. Ziel ist nicht, eine Antwort vorzugeben, sondern sichtbar zu machen, was unter der Oberfläche einer Entscheidung liegt.
Für welche Entscheidungen eignet sich das Tetralemma?
Die Methode eignet sich für Situationen, in denen zwei gute Optionen nebeneinanderstehen und keine davon eindeutig besser erscheint. Das kann etwa die Wahl zwischen zwei Weiterbildungen, ein Jobwechsel oder eine Standortentscheidung sein.
Wie lassen sich schwierige Entscheidungen im Alltag besser treffen?
Neben den Fakten lohnt es sich, bewusst wahrzunehmen, was die einzelnen Optionen auslösen. Eine einfache Möglichkeit besteht darin, sich nacheinander gedanklich oder körperlich in die verschiedenen Entscheidungsmöglichkeiten hineinzuversetzen und auf Haltung, Atmung und erste Gedanken zu achten. Anschließend können diese Eindrücke mit den sachlichen Rahmenbedingungen wie Budget, Zeit oder Karrierezielen abgeglichen werden.





