Überforderung im Job: Ist das alles noch normal?

Drei Monate Teamlead – und Sie checken abends noch die Mails. Das Gefühl, dauerhaft in Rückstand zu sein, lässt sich nicht abschalten. Aber gesagt haben Sie das noch niemandem. Sprint-Planning, 1:1s, Stakeholder-Updates, dazu die eigene fachliche Arbeit, die irgendwie auch noch erledigt sein will. Nach außen läuft es. Innen sieht das anders aus.

Überforderung im Job und vor allem in neuen Führungsrollen wird selten offen angesprochen. Stattdessen entsteht schnell der Anspruch, „es im Griff haben zu müssen“ – gerade in Umfeldern, in denen Problemlösungskompetenz zum Selbstbild gehört.

Genau hier lohnt es sich, genauer hinzusehen: Woran erkennen Sie, ob Sie sich noch in einer normalen Übergangsphase befinden – oder ob es sinnvoll wäre, sich Unterstützung zu holen?

Das Wichtigste in Kürze

  • Überforderung im Job trifft neue Führungskräfte häufiger, als offen zugegeben wird – besonders in Tech-Umfeldern, wo Belastbarkeit zum Selbstbild gehört.
  • Der Unterschied zwischen einer normalen Übergangsphase und echter Überforderung liegt nicht in der Menge der Arbeit, sondern im Gefühl fehlender Kontrolle und ausbleibender Erholung. Die schwierigste Frage ist dabei nicht „Bin ich überfordert?“ – sondern „Seit wann eigentlich schon?“
  • Typische Anzeichen sind anhaltende Müdigkeit, Konzentrationsprobleme und Reizbarkeit – oft lange bevor sie als solche benannt werden.
  • Coaching kann helfen, die Rolle aktiv zu gestalten und Handlungsfähigkeit zurückzugewinnen. Es braucht dafür keine Krise. Bei starker Belastung, die über den Job hinausgeht, ist therapeutische Unterstützung der richtige Schritt.
  • Der erste Schritt aus der Überforderung ist meistens nicht ein neues System – sondern der Moment, in dem Sie aufhören, alles alleine lösen zu wollen.

Was bedeutet Überforderung im Job wirklich?

Vielleicht kennen Sie dieses Gefühl: Sie funktionieren, Sie erfüllen Ihre Aufgaben – und gleichzeitig bleibt eine leise Unsicherheit. Ist das noch Teil des Hineinwachsens in die neue Rolle? Oder zeigt sich hier bereits eine Form von Überforderung, die Sie ernst nehmen sollten?

Nicht jede intensive Phase ist automatisch problematisch. Gerade zu Beginn einer Führungsrolle ist es normal, dass vieles neu ist, dass Sie sich orientieren und sich Ihr Arbeitsalltag erst sortieren muss. Wie dieser Prozess konkret aussehen kann, habe ich im Artikel zu den ersten 100 Tagen in der Führungsrolle beschrieben.

Überforderung beginnt dort, wo aus „Das ist gerade viel“ ein Dauerzustand wird. Wo Sie nach dem Wochenende nicht erholt zurückkommen, sondern schon wieder am Montag denken: „Ich komme nicht hinterher.“ Das ist kein Zeichen schlechter Eignung. Das ist ein Signal, das Sie ernst nehmen sollten – bevor der Körper lauter wird als der Kalender.

Es geht also weniger um die Menge an Arbeit, sondern um das Erleben von fehlender Kontrolle, Klarheit und innerer Stabilität.

Und die eigentlich schwierige Frage ist nicht: „Bin ich überfordert?“ Sondern: „Seit wann eigentlich schon?“

Typische Anzeichen von Überforderung im Job

Überforderung zeigt sich selten auf einen Schlag. Was mich in Gesprächen immer wieder überrascht: Es sind oft nicht die großen Erschöpfungssymptome, die zuerst auffallen. Es ist die Reizbarkeit im Teammeeting. Oder dass die 1:1s plötzlich lästig wirken – obwohl Sie genau wissen, wie wichtig sie sind.

Körperlich kündigt sich etwas an: anhaltende Müdigkeit, unruhiger Schlaf, das Gefühl, auch nach Pausen nicht wirklich erholt zu sein. Das lässt sich eine Weile ignorieren – bis es sich nicht mehr ignorieren lässt.

Gedanklich dreht sich vieles im Kreis. Konzentration fällt schwerer. Der Kopf ist voll, auch wenn Sie eigentlich Feierabend haben. Und irgendwann merken Sie, dass Sie Aufgaben vor sich herschieben – nicht aus Faulheit, sondern weil die Energie fehlt, anzufangen.

Gerade in Führungsrollen werden diese Signale oft übergangen. Der Anspruch, belastbar und lösungsorientiert zu bleiben, sitzt tief. Besonders in Tech-Umfeldern, wo Durchhalten oft als Kompetenz gilt.

Drei Fragen, die sich lohnen:

  • Wie lange fühlt sich das schon so an? Zwei Wochen sind etwas anderes als zwei Monate.
  • Was würden Sie einer Teamleiterin raten, die Ihnen genau das erzählt, was Sie gerade erleben?
  • Und die ehrlichste, oft unbequeme Frage: Was hält Sie davon ab, sich Unterstützung zu holen?

Welche Form von Unterstützung sinnvoll sein kann

Unterstützung kann unterschiedlich aussehen – und es lohnt sich, kurz zu überlegen, was Sie gerade wirklich brauchen.

Ein Gespräch intern – mit Ihrer Führungskraft oder HR – kann helfen, Erwartungen zu klären und Prioritäten neu zu setzen. Das ist oft unterschätzt und schneller möglich, als man denkt. Manchmal erfordert es ein wenig Mut, den ersten Schritt zu gehen, aber oft werden Sie erleben, dass Ihre Führungskraft sich auch schon Gedanken gemacht hat.

Coaching setzt an, wo Sie jetzt stehen: Wie gestalte ich meine Rolle aktiv? Wie treffe ich Entscheidungen, hinter denen ich stehe? Wie setze ich Grenzen, ohne das Team zu verlieren? Es geht nicht um Aufarbeitung, sondern um Handlungsfähigkeit im Jetzt.

Was ich regelmäßig beobachte: Viele warten zu lange, weil sie sich fragen, ob es „schlimm genug“ ist für Unterstützung. Das ist die falsche Schwelle. Coaching braucht keine Krise als Eintrittsticket.

Wenn Sie merken, dass Ihre Belastung über den Job hinausgeht – privat, körperlich, dauerhaft –, dann ist therapeutische Unterstützung der richtige Schritt. Das ist keine Niederlage, sondern Orientierung. Beides hat seine Berechtigung. Und beides schließt sich nicht aus. Was den Unterschied zwischen Coaching und Therapie ausmacht, hat die International Coaching Federation klar beschrieben.

Erste Schritte aus der Überforderung

Der erste Schritt ist meistens nicht der, den man erwartet. Wir retten uns gerne in Tools, aber es ist nicht das neue Zeitmanagement-System. Der erste Schritt ist der, wenn Sie aufhören, alles alleine lösen zu wollen.

Überforderung im Job als Führungskraft hat fast immer dieselbe Wurzel: den Anspruch, so zu funktionieren wie vorher – nur mit mehr Verantwortung obendrauf. Das geht eine Weile. Dann geht es nicht mehr.

Konkret kann der Einstieg so aussehen: Sie priorisieren bewusst – und akzeptieren, dass manches liegen bleibt. Sie delegieren eine Aufgabe, auch wenn Sie sie selbst schneller erledigt hätten. Sie sagen in einem Meeting: „Das entscheide ich bis Ende der Woche“ – statt sofort eine Antwort zu liefern, bei der Sie sich nicht sicher sind.

Das fühlt sich anfangs falsch an. Für viele neue Führungskräfte in Tech ist Kontrolle über die eigene Arbeit ein vertrautes Gefühl – und Führung nimmt genau das weg. Diese Reibung ist normal. Sie geht nicht sofort weg. Aber sie wird kleiner, wenn Sie aufhören, sie als Versagen zu lesen.

Fazit: Überforderung im Job frühzeitig erkennen

Überforderung im Job ist gerade in neuen Führungsrollen keine Seltenheit. Entscheidend ist nicht, sie vollständig zu vermeiden – sondern sie rechtzeitig zu erkennen und ernst zu nehmen.

Sich Unterstützung zu holen, ist keine Niederlage. Es ist der Moment, in dem Sie aufhören, die Situation auszuhalten – und anfangen, sie aktiv zu gestalten. Das ist Führung. Auch sich selbst gegenüber.

Sie müssen nicht erst an Ihre Grenze kommen, um sich Unterstützung zu erlauben.

Wenn Sie sich in diesem Text wiedererkennen – vielleicht nicht in allem, aber doch in einigen Punkten –, dann lohnt es sich, kurz innezuhalten. Ich biete ein erstes Gespräch an, ohne Agenda. Nur um zu schauen, wo Sie gerade stehen.

Ich bin Birgit Nüchter, Führungskräftecoach, Karrierecoach und Beraterin.

Birgit Nüchter

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Über die Autorin


Birgit Nüchter
ist zertifizierter Business Coach und begleitet seit über zehn Jahren Führungskräfte in IT- und Tech-Organisationen. Ihr Schwerpunkt ist die Rollenklärung von neuen Führungskräften. Zuvor war sie über 20 Jahre in der internationalen Softwareentwicklung bei IBM tätig, wo sie globale Teams in klassischen und agilen Umfeldern geleitet hat.

In diesem Blog schreibt sie über praxisnahe Führungsfragen aus dem IT-Führungsalltag – von der Entwicklung des persönlichen Führungsstils bis zur Komplexität von Entscheidungen in Teams.