An der Spitze ist es einsam – das muss nicht sein!
Der Schritt in die erste Führungsrolle fühlt sich für viele an wie ein Ankommen am lang ersehnten Ziel: Endlich anerkannt. Mehr Verantwortung, mehr Gestaltungsspielraum, mehr Einfluss. Zugleich beginnt etwas Neues – etwas, das in keinem Handbuch steht.
Und doch erzählen mir viele neue Führungskräfte nach einigen Wochen von einem Gefühl, das sie überrascht hat: Einsamkeit.
Nicht die strategische Einsamkeit eines CEOs. Sondern eine leise, irritierende Form, die im Alltag entsteht – zwischen Meetings, To-do-Listen und ersten Entscheidungen. Gespräche mit ehemaligen Kolleginnen und Kollegen verändern sich. Der Ton wird vorsichtiger. Spontane Nähe weicht professioneller Distanz.
Viele beschreiben es so: Ich bin noch nicht richtig angekommen – aber auch nicht mehr Teil von dem, was vorher war.
Dieses Gefühl „An der Spitze ist es einsam“ kommt schleichend. Es schleicht sich ein. Und genau darin liegt seine Wirkung.
Inhaltsverzeichnis
Einsamkeit ist kein Fehler – sondern Teil des Übergangs
„An der Spitze ist es einsam“ klingt wie ein Naturgesetz. Für neue Führungskräfte ist es oft eher ein Übergangsphänomen.
Sie verlieren etwas, ohne dass das Neue schon tragfähig ist:
- die selbstverständliche Zugehörigkeit zum Team
- den informellen Austausch auf Augenhöhe
- die Möglichkeit, Unsicherheiten nebenbei zu klären
Dieser Verlust wird selten betrauert. Er wird übergangen – mit Leistung, Disziplin und dem Anspruch, es jetzt „richtig“ zu machen.
Doch Einsamkeit ist hier kein Zeichen mangelnder Kompetenz. Sie zeigt, dass sich Ihre Rolle verändert hat – schneller als Ihre inneren Landkarten.
Ich darf jetzt keine Schwäche zeigen
Viele neue Führungskräfte starten mit einem hohen Anspruch an sich selbst. Sie denken: Ich muss das jetzt können. Ich sollte nicht mehr so viele Fragen stellen. Ich darf mir keine Blöße geben.
Diese Haltung ist verständlich. Sie entsteht aus Verantwortungsbewusstsein – und aus dem Wunsch, den Erwartungen gerecht zu werden. Gleichzeitig erzeugt sie innere Distanz. Wer Unsicherheiten nicht teilt, bleibt allein damit. Wer nur beobachtet, statt zu sprechen, verzichtet auf Resonanz.
Das hat nichts mit mangelnder Kompetenz zu tun. Es ist menschlich. Und es ist ein Muster, das man verändern kann.
Eine beispielhafte Situation aus der Praxis:
Ein frisch ernannter Teamlead in einem Software-Team. Fachlich souverän, fachlich anerkannt. In Mitarbeitergesprächen jedoch zögerlich: Wie klar darf ich Feedback geben? Wie persönlich darf ich werden? Aus Angst, etwas falsch zu machen, bereitet er Gespräche akribisch allein vor – und vermeidet spontane Klärungen. Wochen später hört er im Feedback: „Man erreicht dich kaum noch.“
Der Wendepunkt kam nicht durch bessere Gesprächsleitfäden. Sondern durch die Erkenntnis: Führung entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Beziehung.
Rollenwechsel bedeutet auch: neue Asymmetrie
Was viele unterschätzen: Nähe fühlt sich für andere plötzlich riskanter an.
Was gestern ein offenes Gespräch unter Kolleg*innen war, ist heute ein Gespräch mit einer Führungskraft. Auch wenn Sie sich innerlich gleich fühlen – die Wirkung Ihrer Rolle hat sich verändert.
Das hat Konsequenzen:
- Menschen wählen ihre Worte sorgfältiger
- Kritik wird vorsichtiger
- Vertrautheit entsteht nicht mehr automatisch
Diese Veränderung ist kein persönlicher Rückzug Ihres Teams. Sie ist Ausdruck von Machtasymmetrie und sie verlangt bewusste Gestaltung.
Wer hört Ihnen jetzt zu?
Der Rollenwechsel ist tiefgreifend: Gestern noch Teil des Teams, heute verantwortlich für Ergebnisse, für Gespräche, für Entscheidungen.
Von unten kommen Erwartungen an Führung, von oben Erwartungen an Leistung. Und in der Mitte steht eine Führungskraft, die noch lernt, was ihre neue Rolle bedeutet.
Was dabei oft fehlt, ist Austausch. Ein Sparringspartner, jemand, der zuhört, nicht bewertet, nicht kontrolliert, sondern Fragen stellt. In großen Organisationen übernehmen das manchmal Mentorinnen oder Mentoren. In kleineren Strukturen bleiben viele auf sich gestellt.
Doch genau dieser Resonanzraum ist entscheidend. Führung benötigt Spiegelung – sonst wird sie schnell zum inneren Monolog.
Ein Beispiel:
Eine frisch beförderte Abteilungsleiterin in einem mittelständischen Unternehmen. Zuvor war sie Projektleiterin – mittendrin im Team, bei jedem Mittagessen dabei. Jetzt merkt sie: Sie wird anders wahrgenommen. Die Gespräche sind sachlicher, vorsichtiger. Gleichzeitig merkt sie, dass sie niemand mehr fragt, wie es ihr geht. Erst als sie sich bewusst einen Mentor im Unternehmen sucht, kehrt Austausch zurück – in einem anderen Rahmen, aber mit neuer Qualität.
Einsamkeit ist kein Zeichen von Schwäche – sondern eine Einladung zur Reflexion
Einsamkeit in der Führung ist kein individuelles Versagen. Sie ist ein Hinweis darauf, dass etwas fehlt: Verbindung, Vertrauen, Austausch. Wenn man sie ignoriert, entsteht ein Teufelskreis. Je mehr Distanz man empfindet, desto weniger sucht man Nähe. Und desto stärker wird das Gefühl, alles allein tragen zu müssen.
An der Spitze ist es einsam – wenn der Austausch fehlt, wenn kein Resonanzraum da ist, wenn Führung zur Einbahnstraße wird.
Führung im Alleingang funktioniert eine Zeit lang – aber sie kostet Energie, Motivation und Klarheit. Echte Wirksamkeit entsteht dort, wo Reflexion, Kommunikation und Beziehung Raum haben. Einsamkeit verschwindet selten von allein. Wenn sie ignoriert wird, entsteht ein Kreislauf:
- Weniger Austausch
- Mehr innerer Druck
- Das wachsende Gefühl, alles allein tragen zu müssen
Auch aktuelle Studien zeigen: Gerade neue Führungskräfte sind hier besonders anfällig. Nicht, weil sie unfähig sind – sondern weil Routinen, Peers und vertraute Bezugspunkte fehlen. Hier geht’s zum Artikel „How to Address Loneliness as a New Leader“ (Harvard Business Impact).
An der Spitze ist es einsam – wie Nähe wieder entsteht?
Einsamkeit kann aufgelöst werden – nicht mit Aktionismus, sondern mit bewusster Haltung. Es geht nicht darum, sofort alles zu ändern. Sondern bewusst nachzujustieren.
Einige Haltungen, die sich in der Praxis bewährt haben:
- Sprechen Sie über das, was schwierig ist. Unsicherheit ist kein Makel. Wer sie teilt, zeigt Mut – und öffnet auch anderen den Raum, offen zu sein.
- Suchen Sie sich Resonanz. Ein Gegenüber, das nicht beurteilt, sondern hinterfragt. Ob Coach, Mentor oder vertraute Person – Hauptsache, Sie haben einen Ort, an dem Sie denken dürfen.
- Verteilen Sie Verantwortung. Gute Führung bedeutet nicht, alles selbst zu entscheiden, sondern Verantwortung bewusst zu teilen.
- Bleiben Sie im Dialog – auch mit sich selbst. Reflektieren Sie regelmäßig: Wo stehen Sie gerade? Was brauchen Sie, um klar führen zu können?
Denn an der Spitze ist es einsam – wenn Reflexion und Resonanz fehlen.
6 Fragen, die Sie sich stellen können
- Wann habe ich mich das letzte Mal in meiner Rolle wirklich verstanden gefühlt – und durch wen?
- Welche Gespräche meide ich gerade – bewusst oder unbewusst – aus Angst vor Unklarheit oder Kritik?
- Was bedeutet für mich persönliche Nähe im Arbeitskontext – und wie viel davon lasse ich aktuell zu?
- Gibt es Menschen, die ich um Rat fragen könnte, es aber bisher nicht getan habe?
- Welche meiner Stärken als Mensch kommen in meiner Führungsrolle vielleicht zu kurz?
- Was tue ich aktiv, um auch emotional in Verbindung zu bleiben – mit meinem Team, aber auch mit mir selbst?
Diese Reflexionsfragen ersetzen kein Gespräch – aber sie schaffen eine wertvolle Grundlage. Sie helfen, das eigene Denken zu ordnen, blinde Flecken zu erkennen und mögliche nächste Schritte sichtbar zu machen.
Gerade an der Spitze ist es einsam, wenn man glaubt, alles selbst bewältigen zu müssen. Doch Führung darf – und sollte – geteilt werden: in Verantwortung, im Dialog, in der Weiterentwicklung.
An der Spitze ist es einsam – das gilt nicht nur strukturell, sondern oft auch emotional. Es lohnt sich, dieses Gefühl ernst zu nehmen und bewusst Wege herauszufinden.
Diese Art von Selbstführung ist kein Luxus. Sie ist Teil professioneller Führungskultur.
Einsamkeit in späteren Führungsphasen
Sie sind schon länger in der Führungsrolle und wollen das Thema „An der Spitze ist es einsam“ auf einer tieferen Ebene beleuchten? Dann empfehle ich Ihnen meinen Blogartikel Die Einsamkeit an der Spitze – Mythos oder Wahrheit?. Dort geht es um Unternehmenskultur, Selbstfürsorge und die Frage, wie Führung gelingen kann, ohne einsam zu werden – egal auf welcher Hierarchieebene.
„An der Spitze ist es einsam“ – sagen viele, es muss nicht stimmen
Führung beginnt nicht mit Sicherheit. Sie beginnt mit Orientierung.
Viele neue Führungskräfte berichten, wie entlastend es ist, diese Phase nicht allein zu durchlaufen. Nicht, um schneller „funktionieren“ zu müssen – sondern um sich selbst in der Rolle zu sortieren.
Wenn Sie merken, dass Sie gerade viel mit sich selbst ausmachen: Sie müssen das nicht allein tun.
In meinem Führungscoaching finden Sie Raum für ehrliches Sparring, Reflexion und die Möglichkeit, Ihre Rolle so zu gestalten, dass sie tragfähig wird – für Sie und für andere.





